Kapitel 1: Prolog
Im Jahre 1910, in einem grauen Wiener Hinterhofatelier, saß ein junger Mann mit sorgsam gegeltem Haar und einem sehr ehrgeizigen Schnurrbart über einem Aquarell, das einen Brunnen malte, der vermutlich existierte, aber zu viel Respekt vor sich selbst hatte, um jemals so aussehen zu wollen. Er hieß Adolf und nannte sich selbst Künstler. Andere Leute nannten ihn „diesen seltsamen Kauz von Zimmer 4B“, aber das ist nebensächlich.
Sein Leben verlief beschaulich, wenn auch frustrierend, da niemand seine Kunst zu schätzen wusste, außer vielleicht der Hausmeister, der gelegentlich sagte: „Hm. Immerhin gerade Linien.“
Bis zu jenem Dienstagmorgen, an dem ein Mann in einem silbernen Raumanzug mit quietschenden Turnschuhen mitten in seinem Atelier erschien, „Ich bringe dich um, du Monster!“, schrie und mit einem Laserdolch auf ihn zurannte.
Adolf, der bis dahin dachte, ein Laserdolch sei eine besonders modische Variante eines Brieföffners, reagierte instinktiv. Er schleuderte seine Kaffeetasse (leer, aber mit großem Schwung) nach dem Eindringling, traf ihn an der Stirn, und der Mann fiel bewusstlos um. „Was zum Teufel…?!“ Adolf beugte sich über den Mann. Auf seiner Brust stand in Leuchtschrift: „ZEITAGENTUR 37-B: REKURSIVE HISTORIKER“
Eine Notiz fiel aus seiner Tasche: „Ziel: Hitler, Adolf. Beruf: größtes Übel des 20. Jahrhunderts. Primärzeitlinie zerstören.“
Adolf rieb sich die Stirn. „Ich bin ein verdammter Maler. Ich will nur Postkarten verkaufen!“
Kapitel 2: Der zweite Dienstag
Drei Tage später. Adolf hatte den Raumanzugmann mit einem Tritt aus dem Fenster befördert (es war Erdgeschoss, niemand wurde ernsthaft verletzt, außer dem Stolz des Zeitreisenden). Er hoffte, es sei ein einmaliges Missverständnis gewesen.
Doch dann kam der nächste Dienstag. Eine Frau mit violettem Haar und einem Hut, der aus lebenden Fröschen bestand, materialisierte sich in seiner Küche. „Endlich! Hitler! Diesmal wird Geschichte befreit!“
„Ich möchte nur Aquarelle verkaufen!“ schrie Adolf, schleuderte seine Staffelei (diesmal mit Bild) nach ihr. Ein Quak. Ein Blitz. Ein weiterer bewusstloser Besucher.
Es wurde zur Routine. Jeden Dienstag erschien jemand, manchmal mit Strahlenwaffen, manchmal mit Gummihühnern, einmal sogar mit einem Sandwich, das angeblich radioaktiv war. Adolf verbarrikadierte sich an Montagen, aber es half nichts. Zeitreisende sind pünktlich. Immer. Sogar wenn sie früher ankommen.
Kapitel 3: Gespräch mit einem Töpfer aus der Zukunft
Eines Tages beschloss Adolf, mit einem dieser Angreifer zu sprechen, bevor er ihn mit seinem neuesten Gemälde „Abenddämmerung über Simmering“ erschlug.
„Warum wollt ihr mich umbringen?!“ rief er, als er dem gefesselten Zeitagenten gegenübersaß.
Der Mann, ein leicht schielender Töpfer aus dem Jahr 2483, sagte: „Weil du das größte Übel bist!“
„Aber ich habe noch nie ein Übel besessen! Ich kann mir nicht mal Ölfarben leisten!“
„Du wirst. In der Primärzeitlinie. Du… du wirst einen Krieg beginnen, Millionen sterben lassen, schlimme Frisuren einführen.“
Adolf starrte. „Ich?! Ich will doch nur, dass jemand meine Gemälde aufhängt!“
Der Töpfer nickte traurig. „Genau das ist das Problem. Niemand hängt sie auf. Und dann, aus Frust, wirst du…“
Adolf stand auf. „Raus. Raus aus meinem Atelier, du Prophet des Unsinns!“
Kapitel 4: Die Verbitterung beginnt
Die Besuche häuften sich. Montags verbarrikadierte er Fenster. Dienstags warf er Leute raus. Mittwochs reparierte er Dinge. Donnerstags gab er fast auf. Freitags zweifelte er an allem. Samstags malte er. Sonntags weinte er.
Niemand kaufte seine Kunst. Niemand erkannte sein Talent. Nur die Zeitreisenden besuchten ihn. Es ist schwer, an das Gute im Leben zu glauben, wenn man jeden Dienstag überfallen wird.
Langsam wandelte sich etwas in ihm. Die Farben seiner Bilder wurden dunkler. Seine Brunnen verzerrter. Einmal malte er eine Blume mit Zähnen. Der Hausmeister sagte: „Hm. Mal was Neues.“
Kapitel 5: Die Entscheidung
An einem Dienstag, der sich besonders grau anfühlte (nicht das Wetter, die Atmosphäre), erschien niemand. Kein Zeitreisender, kein Quaken, kein Blitz. Nur Stille. Adolf saß da, einen Pinsel in der Hand, vor einem leeren Blatt.
Er wartete.
Nichts.
„Also bin ich nicht mal mehr wichtig genug, um getötet zu werden?“ murmelte er. „Nicht mal das…“
Er stand auf, ging durch das nasse Wien. Ein Flugblatt wehte an seine Beine. „Für Ordnung. Für Disziplin. Für eine große Zukunft. Parteiversammlung heute, 18 Uhr.“
Er hob es auf.
„Warum nicht. Vielleicht sind die wenigstens nicht aus der Zukunft.“
Er ging.
Die Tür zur Versammlung schloss sich hinter ihm mit einem Knarren, das klang wie der letzte Pinselstrich auf einer Leinwand, die niemand je sehen wollte.