Immer bei dir

Ich sitze da, wie immer. Es ist später Nachmittag, die Sonne schleicht sich durch die Jalousien und wirft Streifen auf den Boden. Ich kenne dieses Licht. Ich kenne auch die Schritte, die gleich um die Ecke kommen werden.

„Ich hab sie angeschrien. Mitten im Supermarkt. Vor der Käsetheke.“

Leni. Sechzehn, dramatisch, überfordert von allem, was nicht TikTok oder Kosmetika ist. Sie lässt sich seufzend auf den Teppich fallen und schaut mich an, als könnte ich ihr das Universum erklären.

„Und weißt du was? Ich hatte recht. Sie hat MEINEN Jogurt genommen. Den mit den Pistazien. Und dann behauptet sie, sie dachte, der sei für alle. Für alle?! Bitte, als ob Jonas freiwillig Pistazien essen würde. Das ist mein Safefood.“

Ich sage nichts. Natürlich nicht. Leni braucht auch keine Antwort. Sie braucht nur diesen Blick – den, der ihr zeigt: Ich verstehe dich.

Sie atmet tief durch, schiebt sich näher zu mir und murmelt: „Danke, dass du wenigstens auf meiner Seite bist.“

Ich bleibe still.

Ich bin immer still.

Jonas kommt nie gleich nach Leni. Das ist Gesetz. Erstens: Sie will nicht, dass er hört, was sie erzählt. Zweitens: Er wartet immer ab, bis er weiß, dass niemand in der Nähe ist. Jonas ist sechzehn, aber im Gegensatz zu Leni will er nicht über Gefühle reden. Und trotzdem tut er es. Immer mit mir.

„Ich hab keinen Plan von Mathe. Gar keinen.“

Er kniet sich neben mich, tut so, als hätte er mir gerade nur eine belanglose Feststellung zugeworfen, aber in seiner Stimme steckt etwas anderes.

„Ich hab gedacht, ich kapier’s noch rechtzeitig. Aber der Test ist morgen. Und wenn ich’s wieder versaue, setzt mich Papa vom Internet ab. Komplett. Du weißt, wie das ist. Und Mama hilft mir nicht mehr. Die sagt, ich soll mich rechtzeitig kümmern. Danke für nichts.“

Ich weiß, dass das unfair ist. Aber ich weiß auch, dass man mit sechzehn viele Dinge sagt, die man später selbst nicht mehr ganz meint.

Er legt den Kopf an meine Schulter – vorsichtig, als könnte ich zerbrechen.

„Ich hasse das. Wenn man sich so fühlt wie… dumm.“

Ich sag nichts. Ich tue nichts. Aber ich bin da. Und das reicht.

Klara ist die Älteste. Achtzehn und seit neuestem Besitzerin eines Führerscheins. Seit sie fahren darf, wirkt sie ein bisschen so, als würde sie schweben. Aber selbst schwebende Menschen kommen irgendwann wieder runter.

„Ich hab ein bisschen gelogen“, sagt sie an einem Dienstag, während sie mir einen Keks hinhält, den ich ablehne. Nicht mein Geschmack.

„Ich hab gesagt, ich wär bei Lara. War ich aber nicht. Ich war bei Tom. Er hat mir gezeigt, wie man Kupplung schleifen lässt. Also nicht absichtlich. Es ist halt passiert.“

Ich sehe sie an. Sie grinst schief.

„Du denkst jetzt, ich bin naiv. Aber Tom ist süß. Und er ist lieb. Und… ja, er hat auch einen ekligen Energy-Drink-Vorrat im Kofferraum. Aber ich mag ihn. Irgendwie.“

Ich lasse sie reden. Und obwohl ich sie nicht mit einer Umarmung tröste oder einem Rat belehre, lehnt sie sich an mich und seufzt.

„Du sagst nichts. Wie immer. Und trotzdem hab ich das Gefühl, du verstehst mich besser als alle anderen.“

Vielleicht tue ich das. Vielleicht auch nicht.

Aber ich bin da.

Manchmal kommt auch Mama. Aber seltener. Sie hat das Gefühl, sie redet den ganzen Tag, und wenn sie hier ist, will sie einfach mal „nichts“ machen. Natürlich wird aus dem Nichts nie wirklich nichts.

„Ich schwöre, wenn einer von denen nochmal seine Socken auf den Küchentisch wirft, dann dreh ich durch.“

Sie lehnt sich an den Türrahmen, sieht mich an, die Arme verschränkt, die Haare leicht zerzaust.

„Ich hab heute versucht, einfach mal fünf Minuten zu sitzen. Nur zu sitzen. Und in genau dem Moment fragt Leni, ob wir Avocados haben. AVOCADOS. Seit wann essen wir Avocados?“

Ich blinzle.

Sie lacht.

„Aber gut. Du kennst das ja. Ich rede, du hörst. Und wenn du mich so anschaust, hab ich das Gefühl, ich bin nicht völlig wahnsinnig.“

Das ist ihr wichtig. Nicht völlig wahnsinnig zu sein. Oder zumindest nicht allein damit.

Der Vater ist am ruhigsten. Und am unregelmäßigsten. Aber wenn er kommt, dann ist es oft spät. Dann, wenn alle anderen längst schlafen und das Haus zum ersten Mal wirklich still ist.

Er setzt sich nie. Er steht einfach da.

„Ich hab heute vergessen, den Müll rauszubringen. Zum dritten Mal.“

Er kratzt sich am Kopf.

„Und ich hab der Nachbarin gesagt, das Fahrrad sei kaputt, obwohl ich’s einfach nicht reparieren wollte. Manchmal bin ich müde. Einfach… müde.“

Ich sehe ihn an. Er sieht zurück.

„Wenn ich dich so ansehe, frage ich mich manchmal, ob du das alles eigentlich kapierst. Ich mein, irgendwie… glaube ich’s sogar.“

Er lächelt. Kurz. Dann geht er.

Ich weiß nicht, was ich ihnen gebe. Ich weiß nur, dass sie zu mir kommen, weil ich nie lache, nie schimpfe, nie unterbreche. Ich bin einfach da. Immer. Und irgendwie glauben sie, dass das reicht.

Vielleicht tut es das auch.

„Ich hab heute so getan, als hätte ich Halsschmerzen“, sagt Leni und rollt sich ein.

„Nur damit ich nicht mitmachen muss beim Sport. Und weißt du was? Es hat sich richtig angefühlt. Ich will heute einfach nichts leisten.“

Ich verstehe das.

„Außerdem: Alle denken immer, ich bin die Laute. Die, die sich nichts sagen lässt. Aber eigentlich bin ich oft einfach… überfordert.“

Sie sieht mich an. Ihre Augen sind rot, aber sie weint nicht.

„Ich wünschte, ich wär wie du. Einfach gelassen. Du bist wie so ein… Ruhepol. Ein Fels.“

Ich schaue sie an. Still. Wach. Nah.

Wenn jemand Geburtstag hat, bin ich die Erste, die es merkt – nicht, weil ich Gratulationen ausspreche, sondern weil alle mir zuerst das Kuchenstück zeigen. Ich bekomme nie eins. Aber das ist okay.

Wenn jemand traurig ist, kommt er zu mir.

Wenn jemand wütend ist, spricht er mit mir, bevor er schreit.

Wenn jemand nervös ist, setzt er sich neben mich, atmet durch, und wartet, bis es besser wird.

Ich bin das Zentrum.

Ich bin die Konstante.

Ich bin ihre Mama.

Oder zumindest halten sie mich dafür.

Heute ist Sonntag. Die Familie frühstückt spät. Es riecht nach Toast und Orangenmarmelade. Jonas streitet sich mit Leni über irgendetwas mit WLAN, Klara rollt die Augen, die Mutter gibt auf und der Vater tut so, als hätte er nichts gehört.

Mitten in diesem Trubel dreht sich Leni zu mir, krault mir den Kopf und sagt: „Gott sei Dank bist du da, Mami.“

Dann schiebt sie mir ein Stück Toast unter den Tisch.

Ich schnappe zu, wedle mit dem Schwanz und denke:

Wenn die wüssten.