Folge 6: Der Antrag auf Hauptfigurenschaft

Der Antrag war da.

Ein offizielles Dokument, abgestempelt vom Amt für Narrationskontrolle. Beige, leicht vergilbt, und mit einem Begleitschreiben voller bedeutungsschwangerer Leerzeilen.

„Jede*r hat das Recht, Hauptfigur zu werden“, stand da. „Vorausgesetzt: Dramatische Relevanz, symbolische Tiefe, Entwicklungspotenzial.“

Bratzl starrte es an.

„Das ist… ein Witz.“

„Nein“, sagte Asterisk. „Das ist Bürokratie.“

Knorp murmelte: „Wer hat es eingereicht?“

Alle schauten Ylli an. Sie lächelte nicht. Aber sie widersprach auch nicht.

Lula hielt sich an ihrem Ball fest, der langsam violett wurde. „Und was passiert, wenn jemand es schafft?“

„Dann wird die Geschichte um ihn geschrieben. Um sie. Oder um das, was davon übrigbleibt.“

Bratzl war blass geworden. „Das wäre… das Ende. Für den Rest von uns.“

Asterisk nickte. „Genau.“

Die Gruppe schwieg. Dann stand Knorp auf.

„Wir sollten abstimmen.“

Ylli sagte: „Das hier ist keine Demokratie.“

„Aber vielleicht eine Erzählgemeinschaft“, sagte Lula leise.

Sie legten den Antrag in die Mitte. Niemand rührte ihn an.

Später in der Nacht schlich sich jemand zurück nach Raum 3b.

Und der Antrag war verschwunden.