ChronoHelix auf Mnemonia

I. Der Planet, der zu klug war, um Bücher zu brauchen

Mnemonia war ein hübscher kleiner Planet – grün-blau getupft, ein bisschen hügelig, ein bisschen wässrig, und mit genau genug Atmosphäre, dass es regelmäßig zu peinlichen Wetterverhältnissen kam.
Er lag in einer galaktisch unbedeutenden Umlaufbahn rund um einen Stern namens „Klaus“, dessen einziger bemerkenswerter Beitrag zur Existenz war, dass er das Licht nicht abschaltete, selbst wenn man ihn darum bat.

Auf Mnemonia lebte ein Volk von denkfreudigen, technologisch überdurchschnittlich gelangweilten Wesen, genannt die Mnemoniden. Diese Spezies war vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie das Problem der Geschichtsschreibung gelöst hatte, bevor es je begann.

Dafür verantwortlich war ein Mann namens Fennwogg Spruttelbaum – Wissenschaftler, Vordenker, und vermutlich der einzige Mann der Weltgeschichte, dessen Gehirn eine eigene Steuererklärung abgeben konnte.

Er sagte: „Warum Bücher schreiben, wenn man Erinnerungen vererben kann? Warum Archive anlegen, wenn die Archive einfach Kinder kriegen können?“

So entwickelte er die ChronoHelix – ein genetisches Informationssystem, das alle Ereignisse, Erkenntnisse und Erinnerungen direkt in die DNA der Bevölkerung schrieb.

Aber Spruttelbaum hatte noch eine Idee.

„Wenn der Mensch sowieso schon ein Gedächtnis ist, warum nicht gleich ein lernendes Gedächtnis? Die ChronoHelix soll Geschichte nicht nur speichern – sie soll sie sammeln.“

Gesagt, getan. Die nächste Generation Mnemoniden trug nicht nur das Wissen ihrer Ahnen in sich, sondern nahm über ihre Sinne ständig neue Daten auf – alles, was sie sahen, hörten, fühlten oder einfach missverstanden, wurde katalogisiert.
Wahrnehmung wurde Wahrheit.
Erinnerung wurde Fakt.
Ein Husten im falschen Moment konnte zur Legende werden.

Spruttelbaum nannte es:

„Die letzte Bibliothek der Wahrheit – im Menschen selbst.“

Er starb zufrieden.
Niemand wagte es, ihm zu sagen, dass er auf einem Fisch ausrutschte.

II. Die stille Mutation der Geschichte
Die ersten paar Jahrhunderte lief es ganz gut.

Die Mnemoniden erinnerten sich an Erntezyklen, Mondphasen, die Erfindung des Wassertoasters und warum man keine roten Pilze essen sollte. Alles wurde brav weitergegeben – von Körper zu Körper, von Generation zu Generation.

Doch dann geschah, was Spruttelbaum nie vorhergesehen hatte:

Die Wahrheit begann zu mutieren.
Nicht weil sie lügte – sondern weil sie zuhörte.

Ein Mnemonide mit schlechtem Gehör speicherte eine politische Rede als „Ich fordere drei Pflaumen und zwei Fäuste für jedermann“ (gemeint war „Frieden und Gerechtigkeit“).
Ein Kind sah eine Theateraufführung über einen Krieg und speicherte ihn als Realität.
Ein Träumer interpretierte eine Himmelserscheinung als göttliches Zeichen – und Millionen andere stimmten zu.

Mit jeder Generation wurde das genetische Archiv größer, aber ungenauer.

Geschichte wurde nicht mehr geschrieben – sie wurde geglaubt.

III. Missverständnisse mit Folgen
Einige der berühmtesten „Tatsachen“ auf Mnemonia:

Die Prophezeiung von Glarn
Man glaubt, dass der Heilige Glarn einst den Lauf des Flusses Troom mit bloßen Händen umgelenkt habe, um ein Dorf zu retten.
In Wahrheit hatte Glarn nur den Dorfbürgermeister in den Fluss geschubst, der dann versehentlich gegen den Staudamm schwamm.
Das Wasser wich aus. Das Dorf war gerettet.
Glarn bekam einen Tempel. Der Bürgermeister eine Lungenentzündung.

Die goldene Kamelreiterin von Nu’tarr
Die Legende spricht von einer wunderschönen, unbesiegbaren Kriegerin auf einem goldenen Kamel.
Neuere Analysen zeigen: Es handelte sich um einen alten Kurier mit starkem Rückenschweiß, dessen Messingrüstung bei Sonne spiegelte.
Er hatte nie gekämpft. Aber er hatte sehr laut geniest.

Das große Wunder von Phool
Und natürlich – der berühmteste Fall:

Ein junger Mann namens Jeshuun von Phool, Sohn eines Handwerkers, soll einst mit bloßer Hand einen Blitz aufgehalten haben, eine tote Echse wiederbelebt und eine Schüssel Suppe so stark gewürzt haben, dass fünf Menschen erleuchtet wurden.

In Wirklichkeit war Jeshuun ein eher durchschnittlich talentierter Töpfer.
Er warf eines Tages aus Zorn eine Tonschale nach seinem Nachbarn Fennkrümm, traf zufällig eine elektrische Leitung, verursachte einen Kurzschluss, der eine Lichtinstallation zum Leuchten brachte – just in dem Moment, als ein Prediger vorbeiging.

Der Rest ist… genetisches Echo.

IV. Heute auf Mnemonia
Heute glauben die Mnemoniden an ihre Vergangenheit mit einer Inbrunst, die jeder logischen Prüfung standhält – vor allem, weil Logik ebenfalls genetisch überliefert wird und inzwischen ziemlich weichgekocht ist.

Die Menschen wissen von sich selbst:

Dass ihre Ahnen mit den Winden sprachen

Dass die heilige Glarn das Wasser befehligte

Dass Jeshuun der erste Prophet der Wahrheit war

Dass ihre Geschichte zuverlässig ist –
schließlich fühlen sie es.

Und so lehren sie ihre Kinder:

„Alles, was du fühlst, ist wahr.
Alles, was du nicht verstehst, ist heilig.
Und wenn du nie davon gehört hast – dann liegt das am Zweiten Erbschöpfungsbruch.“

Sie glauben.
Tief.
Ehrlich.
Fehlerfrei – und gleichzeitig komplett daneben.

V. Epilog – Der Fisch und die Wahrheit
Und so glauben die Mnemoniden noch heute,
dass Jeshuun der Erste Prophet war,
dass er Licht ins Dunkel brachte,
Wunder wirkte, Wahrheiten sprach
und den Großen Widerspruch aufhob.

Dass er geboren wurde unter einem drehenden Stern,
dass er im Kreis sprach, und die Leute lauschten,
dass er starb für das Wissen – und auferstand in der Lehre.

Dass seine Taten die Grundlage der Dreifaltigen Lehre bilden:
Wärme, Licht, und ziemlich würzige Suppe.

Was niemand mehr weiß:
Dass Jeshuun einst in einem Streit eine Tonschale warf,
die zufällig gegen eine lose Leitung flog,
die zufällig Funken schlug,
die zufällig ein Licht entzündeten –
das zufällig einen Esel erschreckte,
der daraufhin ein hysterisches Geräusch von sich gab,
das ein Straßenprediger als göttliches Zeichen deutete.

Und der Rest… wurde genetisch weitergegeben.

Und wenn man ganz leise ist,
kann man das Ursprungsereignis noch heute hören –
irgendwo, tief im spiralförmigen Inneren einer Mnemonidenzelle:

„Halt die Schale richtig, du Dussel, sonst gibt’s gleich einen Fisch in die Fresse!“